Wachstum am ende, bankleer interviewt von Claudia Wahjudi, Buchbesprechung, zitty Berlin 2005
Wachstum am Ende
Wie kam die Auswahl der Städte zustande?
Wir leben seit acht Jahren als KünstlerInnen in Berlin und bearbeiten Themen immer erst einmal von uns und unser Umfeld heraus. In den letzten Jahren ging es viel um die Ausweitung der Ökonomie in alle Lebensbereiche. Bei Reisen hat man dieses Thema mit im Gepäck und versucht heraus zu finden, wie in anderen Gegenden/Ländern mit diesem Problem, das dann vielleicht Globalisierung heißt umgegangen wird. Indien kennen wir von mehreren Reisen. 2004 haben wir an der Ausstellung Open Space, die Teil des Weltsozialforums in Bombay war, teilgenommen. Für vier Wochen sind wir in Bombay gewesen und haben die Situation rund ums Weltsozialforum genutzt, um mit den zahlreich angereisten KünstlerInnen, AktivistInnen,TheoretikerInnen und Tagelöhnern weitere Videointerviews zu prekären und marginalen Arbeitssituationen zu führen.
In Istanbul sind wir nach unserer Ausstellungsteilnahme bei Along the Gates of the Urban noch eine Weile geblieben, um mit der Unterstützung von FreundInnen und Bekannten vor Ort die Performance- und Interviewreihe fortzuführen. Dabei interessiert uns der Einblick in das ganze Ausmaß der sogenannten Globalisierung – für einige Zeit unseren westeuropäischen Blick aufgeben zu müßen, und zu erfahren wie auf andere Weise mit einem ungeheuer zunehmenden Druck und sich verstärkender Unsicherheit umgegangen wird. Das in Bombay und Istanbul aufgenommene Material bearbeiten wir gerade.
Worin bestand das Projekt in Berlin, Bombay und Istanbul?
In Berlin haben wir von März bis August 2003 ein provisorisches Filmstudio in Friedrichshain eingerichtet, in dem wir zusammen mit Frauke Hehl von workstation Videointerviews mit Menschen geführt haben, die sich theoretisch und oder praktisch mit experimentellen Überlebensentwürfen auseinandersetzen. Das Ergebnis ist eine DVD mit 27 zwischen drei und zwölf minütigen Interviews und zehn Videoskulpturen, die Auskunft über Situation, Utopien und Überlebensstrategien aller Beteiligten geben. Die DVD-Oberfläche – eine mosaikartige Zusammenstellung von Stills aus den einzelnen Interviews – generiert sich immer wieder neu und ist nach Thema und Person anwählbar.
In Bombay haben wir unser Video „Bewegungen bewegen sich selbst“ in der von Open Circle organisierten Ausstellungshalle auf dem Weltsozialforum gezeigt. Diese Videocollage stellt soziologische Texte von Niklas Luhmann und Slavoj Zizek Bildmaterial der globalen Protestbewegung gegenüber, und arbeitet an der Analyse der Antiglobalisierungsbewegung.
In Istanbul lief „dereguliert 1“. Hintergrund dieser Arbeit sind die ständigen Rufe nach Flexibilisierung und Deregulierung, in der Hoffnung, damit die Wirtschaft wieder flott zu bekommen. Dabei wird jedoch gerne der Kontext von „dereguliertem Sein“ unberücksichtigt gelassen. Sobald der Staat auf wirkliche Deregulierung trifft, werden riesige Sicherheitsvorkehrungen getroffen oder eine Sozial-Industrie eingeschaltet, die ausschwärmt, die Dereguliertheit zu managen. Für die Performance haben wir Schimpansen im Zoo mit Demo-Slogans beschriftete Kartonagen zum Spiel angeboten. An allen Orten haben wir unsere Interviewreihe mit Kulturschaffenden, AktivistInnen und TheoretikerInnen fortgeführt um möglichst viele Facetten vom Phänomen eines sich alternativlos durchsetzenden Neoliberalismus zu Gesicht zu bekommen.
Wie beziehen sich die Aktionen aufeinander?
Wir verfolgen ein Thema über längere Zeit hinweg – derzeit beschäftigt uns, was durch die Ausdehnung der Ökonomie in alle gesellschaftlichen Bereiche in Gang gesetzt wird. Ausgehend von unserer eigenen unsicheren Situation als KünstlerInnen arbeiten wir seit zwei Jahren konkret an der Ausweitung des Arbeitsbegriffs. Wir entwickeln dazu Aktionen, Installationen,Videos oder führen Interviews und wechseln dabei häufig den Kontext, switchen zwischen öffentlichem Raum und Kunstinstitutionen und versuchen Aktionismus mit Kunstaktion zu verschränken. Dabei entsteht eine Projektwucherung entlang eines Themas mit Sackgassen, Irrungen und erfolgreichen Momenten. Klar das das nicht ohne die Hilfe vieler Menschen geht, die in unserem Fall aus den Bereichen Sport, Aktivismus, Kunst oder Theater kommen. Dabei entstehen Verschränkungen, die sich im Idealfall auch in die anderen Bereiche hinein ausdehnen.
Sind die Installationsteile bei plattform, die die Videoarbeiten umgaben,
Teil der Aktionen gewesen oder unabhängig davon entstanden?
Die Installation besteht aus den Requisiten der Ausstellungs- und Aktionswoche die im 2004 in der Agentur für Arbeit in Stuttgart unter dem Motto „raus aus der arbeit, rein mit der realität“ [1] statt gefunden hat. Für diese Aktionswoche hatten wir in der sogenannten Erstkontakt-Zone der Agentur diese Raumwände – auf denen jetzt die Videodokumentation der Aktionswoche in der plattform läuft – aufgebaut und mit alten Büromöbeln (abgebauten Arbeitsplätzen) aus dem Lager des Amtes gefüllt. Dort hatten wir mehrere Videomonitore, Transparente, Demoschilder und eine kleine Bibliothek untergebracht. Wir haben sozusagen eine Bürosimulation, die eine Menge an Gegeninformationen bereit hielt, direkt im Betriebsalltag des Amtes platziert. Manche Teile – wie zum Beispiel den Raum – haben wir unverändert übernommen, andere Elemente – wie der Maibaum oder der Gymnastikball, der jetzt Körper einer großen Figur ist – wurden überarbeitet und weiterentwickelt.
Wo ist das Buch erhältlich und was kostet es?
In Berlin kann das Buch zum Beispiel in der plattform, der NGBK, bei b_books, pro qm oder über uns info@bankleer.org für 14 € gekauft werden und bald kümmert sich der Verlag (Merz/Solitude) um die bundesweite Auslieferung. Außerdem ist es in jeder Buchhandlung zu bestellen unter ISBN 3-937158-01-4.
Habt Ihr im Zug Eurer Projekte eine Antwort auf die Frage gefunden, was
Arbeit heute ist (also nicht, was Arbeit heute nicht ist…)?
Gerade befinden wir uns in einer enormen weltweiten Umstrukturierung. Während sich Teile unserer Bevölkerung von der Idee eines lebenslangen Jobs verabschieden, lebt ein anderer Teil bereits super flexibilisiert und dereguliert die Auflösung von Arbeit, Freizeit und Leben. Kolonnen von Dienstleistungssklaven sind in Airconditionbussen unterwegs, um überall dort Linderung zu schaffen, wo ein Mangel an Billiglohnarbeitskräften herrscht.
TÄTIG SEIN / EXISTENZGELD / VERWEIGERUNG / …. Arbeit kann alles sein von der 8-17 Uhr Schicht in der Industrie, bis zum flüssigen Kulturarbeiter mit 24 Stunden stand by Informationsarbeit – Ressourcen aus sozialen Beziehungen inklusive. All das ist Arbeit oder Tätig sein – aber ob diese auch bezahlt wird, hängt vom alles organisierenden, erhöhten Blick des Neoliberalismus ab und der ist wie die Marktlage sehr launisch.
Warum scheint der „magische Augenblick des Plötzlichen“, wie Ihr es nennt,
nicht nur in Eurer Arbeit sondern auch bei allen Protesten gegen die Folgen
der Globalisierung zu fehlen? Was verhindert die Alternative?
Den verschiedenen Protestwellen gegen Globalisierung, Hartz IV usw. fehlt eine allgemeine Dimension. Sie können dadurch von der kapitalistischen Wirtschaft aufgenommen und resorbiert werden. Der Protest müßte sich auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen und auch die Demokratie hinterfragen. …Und weil es sich um einen magischen Moment handelt, ist es unmöglich ihn zu organisieren. Ein kurzes Aufblitzen haben wir hin und wieder durchaus schon erlebt.
Wie geht Ihr mit den Risiken von Kapitalismuskritik innerhalb des
Kulturbetriebs um (s. Text von M. Reichelt)? Welche Konsequenzen haben sie
für Eure Arbeit?
Da versuchen wir mit unserem Wissen reinzugehen und auch dort den ökonomischen Mechanismen zu begegnen. Gerade werden auch im Kulturbetrieb die 1 Euro-Jobs als willkommene Entlastung gesehen und es ist unheimlich schwer gegen diese aufgehende wirtschaftliche Ökonomie zu argumentieren. Der Kulturbetrieb ist nur eine Betriebsform von vielen und wird in seiner Progressivität häufig überschätzt und deshalb zu selten hinterfragt. Daher ist es dringend notwendig unangenehme Fragen auch an das eigene Umfeld zu stellen, wie es zum Beispiel Matthias Reichelt in seinem Text macht. Das wird aber immer schwieriger, weil auch hier Sparmaßnahmen und die eigenen Zukunftsängste für eine gewisse Milde sorgen.
Was macht das Image des Künstlers als Leitbild der neolib. Dienstleistungsgesellschaft mit der Selbstdefinition des Künstlers?
Das offizielle Hartz-Papier „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ Kapitel 13 ruft neben Journalisten, Geistlichen und Wissenschaftlern auch KünstlerInnen an, als „Profi der Nation“ „radikale und mutige Reformen“ durchzuführen. Da wird es dann schon ekelig und wir haben sicher kein Interesse irgendwie Kunst für die Politik zu machen oder wie immer man es nennen mag. Darüber hinaus wundern wir uns auch immer wieder wie gut sich kritische künstlerische Positionen in diesen Rot/Grünen Neoliberalismus einklinken lassen und wie unmöglich ein „außerhalb“ erscheint.
Oder ist vielmehr wieder der (kreative, „selbstbestimmte“) Büroangestellte
Leitbild? Oder zumindest der Erwebstätige mit dem höheren sozialen Prestige,
weil er via Büro über Kontakte, technische Infrastruktur, Zugehörigkeit und
evtl. sogar Sozialversicherung verfügt?
Was das aktuelle Leitbild für welche Gruppe ist, können wir gerade nicht sagen. Interssant ist vielleicht das es in London gerade einige ManagerInnen und AnalystenInnen aus dem Börsen-Banken-Umfeld gibt die jetzt in Handwerksberufen arbeiten und dies nicht weil sie arbeitslos sind, sondern ihr virtuelles HighTech/Speed Berufsumfeld satt haben.
Das Interview führte Claudia Wahjudi
[1] Im Vorfeld dazu gab es mehrere Treffen mit diversen Arbeitloseninitiativen vor Ort und das Angebot, die Installation für eigene Aktionen zu nutzen. So hatten wir schließlich ein täglich wechselndes Programm mit Widerstands-Joga, Indoor-Demos der Arbeitsloseninitative Wut, einen Aktionstag der Frauengruppe Salz, einen Zombie-Schwarm und Polit-Hip-Hop Karaoke. In der Installation liefen ständig Filme – von Ak Kraak zur Argentinien Krise, “La Commune”von Peter Watkins, eine 1. Mai- Demo-Dokumentation und “Unsichtbare Hausarbeiterinnen“ vom FrauenLesbenFilmCollectif .






