Rückkehr der Scheintoten, Dietrich Heißenbüttel, Artikel, springerin, Wien 2005
Rückkehr der Scheintoten
Die Vernetzungen eines Projekts von bankleer
Die Spanplattenwand, welche die Galerie Plattform, ganz in der Nähe der Volksbühne, in zwei ungleiche Teile teilt und den Raum zu den Schaufenstern hin abdunkelt, hat bereits eine Reise hinter sich. [1] Sie befand sich ursprünglich im Keller des Stuttgarter Arbeitsamtes, das sich neuerdings Agentur für Arbeit nennt. Zusammen mit anderem ausrangiertem Mobiliar bildete sie dort im Flur der zweiten Etage vom 10. bis 14. Mai 2004 das Basislager für eine Aktionswoche des Künstlerduos bankleer (Karin Kasböck und Christoph Leitner), von der nun auf der rechten Wand der Plattform eine Zusammenfassung auf Video zu sehen ist: Es beginnt mit einem Entspannungstraining, das die Empfindungen der Teilnehmer mit den Ängsten, Einschränkungen und Hoffnungen kurzschließt, die sich in der Agentur verkörpern. [2] Während auf mehreren Monitoren Videos über illegale Immigrantinnen in Berlin, eine Fabrikbesetzung in Argentinien, eine Demonstration gegen Sozialabbau und das fünfstündige Opus „La commune“ von Peter Watkins zu sehen sind, diskutieren Aktivisten mehrerer Arbeitsloseninitiativen ihre Vorstellungen von Arbeit. [3] Spektakulär wird es schließlich, als Beteiligte, geschminkt als Zombies, ausschwärmen und in Beratungsgespräche und Konferenzräume der Agentur eindringen.
Die paradoxe Figur der lebenden Toten setzt wortlos ein eindringliches Bild für die Lage der Arbeitslosen in Szene, und zwar unmittelbar dort, wo sich deren Schicksal entscheidet: Angesprochen war nicht ein Kunst-Publikum, sondern die Betroffenen selbst. Diese reagierten bezeichnender Weise mit Empathie auf die blassen Gestalten, die da hilflos durch die hellbraun gekachelten Räume der Arbeitsagentur taperten. Auch in der Berliner Galerie kann sich das Publikum nicht auf den Standpunkt des unbeteiligten Beobachters zurückziehen: Ein als Kopf verkleideter großer Ball, der von der Decke herabhängt, blickt dem Besucher nach und projiziert sein Bild auf die Stirnwand des Raums, wo eine Tür in den zweiten, kleineren Teil der Ausstellung führt.
Dort liegt als Körper zu dem Kopf ein weiterer Ball, der bankleer nun schon durch eine Reihe von Aktionen begleitet. Er kam erstmals zum Einsatz in „Go for Gemetzel“ 2003 im Hamburger Schauspielhaus: ein Gruppenspiel ohne Zuschauer, das ein Moderator in die Sprache der Ökonomie übersetzte. [4] In ähnlicher Weise konnten Teilnehmer die zentrifugalen Kräfte des Marktes in der Performance „Teufelsrad“ am eigenen Leibe erfahren: Eine immer schneller drehende, zur Mitte hin ansteigende Scheibe auf dem Münchener Oktoberfest diente hier, kommentiert mit Zitaten des Leiters der Bundesagentur für Arbeit, als Sinnbild der Situation „funktional überflüssiger Subjekte“, die einer nach dem anderen aus der Bahn geworfen werden. [5]
Diese Scheibe gab wiederum das Modell für eine andere, langsam drehende Scheibe, die bankleer als Bühne für eine Reihe von Interviews diente. [6] Diese Gespräche sind nun in der Galerie Plattform auf Bildschirm abrufbar: ein wachsendes Archiv zur Situation von Menschen, die in keinem festen Arbeitsverhältnis stehen, sondern mit viel Engagement, in kreativer Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, wenn auch selten ganz freiwillig und zumeist mit unsicheren Zukunftsperspektiven eigene Lebensentwürfe zu verwirklichen suchen. Dieses Material, das inzwischen viele Stunden von Aufzeichnungen umfasst, bildet den Kern des Projekts „A-Class“.
Hier wird sichtbar, was in offiziellen Analysen überhaupt nicht vorkommt: „Wir glauben, dass es Science-Fiction ist, das Phänomen der Arbeitslosigkeit durch schnellere Vermittlung, Förderung von Selbständigkeit oder Ausweitung der Leiharbeit in den Griff zu bekommen. Eine Illusionsmaschine, mit der auf jeden Fall eines vermieden werden soll: ein von der Arbeit unabhängiges Einkommen als Grundeinkommen. Die Arbeit macht sich aus dem Staub, in wirtschaftliche Sonderzonen außerhalb des staatlichen Zugriffs.“
In der Arbeit von bankleer gibt es keine unbeteiligten Zuschauer. Andere einzubeziehen, bedeutet aber auch, an bestehende Initiativen anzuknüpfen, seien dies lokale Arbeitslosen-Selbsthilfegruppen oder international agierende künstlerische Netzwerke. So ging „A-Class“ hervor aus einer Zusammenarbeit mit der Berliner Ideenwerkstatt „Workstation“ von Frauke Hehl, deren Entstehung sich wiederum einer Intervention der Wiener KünstlerInnengruppe „Wochenklausur“ verdankt. [7] Wochenklausur versucht seit 1993 weltweit durch gezielte, zeitlich begrenzte Eingriffe sozialen Fehlentwicklungen gegenzusteuern und Verbesserungen dauerhaft zu implementieren. Workstation will jenseits der Erwerbsarbeit individuelle und gemeinschaftliche Formen der Betätigung fördern und ist seinerseits mit rund 40 weiteren künstlerischen und kulturellen Projekten verbunden.
„A-Class“ steht nunmehr seit mehreren Jahren im Mittelpunkt der Arbeit von bankleer. Dabei bewegt sich das Projekt horizontal von Ort zu Ort und schleppt dabei jeweils Material früherer Veranstaltungen mit sich: Videos dokumentieren vorangegangene Aktionen, einzelne Gegenstände transportieren Reste von Bedeutungen in neue Kontexte. Jede Station bildet so einen momentanen Entwicklungsstand ab, der durch zahlreiche Fäden mit anderen Orten und Aktivitäten verbunden ist. In der Galerie Plattform hängen Bambusrohre von der Decke herab. Sie erinnern an die Anwesenheit von bankleer auf dem Weltsozialforum 2004 in Bombay. Zu zerschredderten Aktenhäufchen am Boden der Galerie, die ihren Abdruck tragen, haben sie längst den Kontakt verloren. Eines der Rohre ist mit Puppenunterarmen, die Wappenschilder halten, zu einem grotesken Maibaum gestaltet: ein ironisches Bild für das widersprüchliche Verhältnis zwischen dem Lokalen und dem Globalen, das die Problematik der Arbeit unausweichlich bestimmt. Eine Netzstruktur zieht sich über eines der Wappen und das Cover einer zur Ausstellung erschienenen Buchpublikation und kristallisiert sich in polygonalen Körpern aus Wellpappe, die am Boden herumliegen.
In Bombay kommentierten bankleer Videoaufnahmen von Demonstrationen mit Sätzen von Niklas Luhmann und Slavoj Zizek: „Die protestierende Reflexion leistet etwas, was sonst nirgends geleistet wird. Sie greift Themen auf, die keines der Funktionssysteme, weder die Politik, noch die Wirtschaft, weder die Religion, noch das Erziehungswesen, weder die Wissenschaft, noch das Recht als eigene erkennen würden. Sie stellt sich quer zu dem, was innerhalb der Funktionssysteme an Selbstbeschreibung anfällt.“ Gleichwohl geht es bankleer nicht um eine Illustration kopflastiger Theorie, sondern um sprechende Bilder. In einem Video aus dem Stuttgarter Tierpark Wilhelma stehen von Hand beschriebene Pappschilder in einem Schimpansenkäfig. „Dereguliert tätig sein“ steht auf einem Schild. Die Schimpansen führen vor, was das bedeutet: Es dauert keine zehn Minuten, dann sind alle Schilder zerlegt. In einer Fortsetzung der Aktion in Istanbul stülpten sich bankleer selbst die Maske des Schimpansen über. [8]
[1] bankleer: „where the work ends and the mission begins“, Galerie Plattform, Berlin, 24.2-24.3 2005; unter dem selben Titel erscheint ein Buch bei merz & solitude, Stuttgart 2005, ISBN 3-937158-01-4; http://www.bankleer.org.
[2] Geleitet von Aurea Ferreres.
[3] Die Videos stammten vom Berliner frauenlesbenfilmcollectif, von AK Kraak und Kanal B; beteiligte Arbeitsloseninitiativen waren: WUT; SALZ, s. http://www.arbeitslosenzentrum-salz.de; lagalo (Landesarbeitsgemeinschaft der Arbeitsloseninitiativen), http://www.lagalo.de.
[4] In der Spielinstallation beziehen sich bankleer auf die New Games der siebziger Jahre: damals hielten ursprünglich im linken Umfeld entstandene Strategien wie Teamwork und Abbau starrer Hierarchien Einzug in das Management großer Unternehmen.
[5] Moderator war in beiden Fällen Frank Weigand.
[6] Zuvor war die Scheibe, zusammen mit einem Video der Teufelsrad-Performance, Teil der Installation „Rotiere! Arbeitssimulation“ 2003 in der Kunstbank Berlin.
[7] http://www.workstation-berlin.org; http://wochenklausur.t0.or.at.
[8] In Istanbul waren bankleer auf Einladung von Erden Kosova, um am zweiten Teil der Ausstellung „Along the Gates of the Urban“ teilzunehmen; der erste Teil fand im Frühjahr 2004 in der Galerie K&S in Berlin statt; zugleich setzten bankleer in Bombay und Istanbul die A-Class-Interviewserie fort.






